Prof. Dr. Rainer Schulte                                                         Wien,  Februar 2002

Präsident der Polizei-Führungsakademie

 

 

 

 

Zur Zukunft der polizeilichen Bildung

 

 

Im gegenwärtigen Prozess des Zusammenwachsens Europas verlieren nationale Aspekte an Bedeutung, die europäische Dimension kommt immer mehr zum Tragen. Stand zunächst die wirtschaftliche Entwicklung  im Vordergrund, so ist immer stärker auch ein politisches Zusammenwachsen zu sehen. Der Fortfall von Grenzkontrollen, der sich faktisch auch in einer Relativierung von Grenzen auswirkt, Rechtsangleichungen, Freizügigkeit auf dem Arbeitsmarkt und Niederlassungsfreiheit sowie die Anerkennung von Bildungsabschlüssen, um nur Einiges zu nennen, lassen es heute schon berechtigt erscheinen, den Begriff einer europäischen Kultur, jedenfalls in Grundlinien, zu bemühen. Weitergehend ist auch die Herausbildung einer Wertegemeinschaft erkennbar.

 

Mussten wir bisher schon feststellen, dass das Zusammenwachsen West-Europas oder, besser gesagt der Europäischen Union ein nicht unbeschwerlicher Weg war, wird der nächste, bereits laufende Schritt in Richtung Osteuropa eine neuerliche große Herausforderung. Ich will das nicht im Detail erörtern, sondern nur umreißen: es sind nationale Spezifika bzw. Interessen vor allem wirtschaftliche und soziale Rahmenbedingungen sowie die jeweilige gewachsene politische Kultur zu berücksichtigen. Hier dürften auf längere Zeit noch erhebliche Schwierigkeiten zu überwinden sein. Der differenzierte Zeitplan zum EU-Beitritt weist auf diese Problematik hin. 

 

Ich möchte ein anderes Stichwort einführen, das die Thematik erweitert. Es handelt sich um den Komplex Globalisierung. Man kann sich nicht immer des Eindrucks erwehren, dass dieser Begriff teilweise zu einem Schlagwort abgewertet ist. Im Kern bezeichnet er allerdings gravierende Veränderungen.

 

Globalisierung meint zunächst die zunehmenden weltweiten wirtschaftlichen Verflechtungen und sozialen Interdependenzen im Zuge einer sich vertiefenden internationalen Arbeitsteilung, eines stark angewachsenen internationalen Warenverkehrs, eines rasch zunehmenden grenzüberschreitenden Austausches von Dienstleistungen und einer sehr beschleunigten und nahezu unbegrenzten Kapitalzirkulation rund um den Globus.[1]

 

In sozialer Hinsicht bedeutet Globalisierung eine immer geringere Relevanz und Bindungskraft konkreter raum-zeitlicher Handlungskontexte und unmittelbarer sozialer Beziehungen, eine fortschreitende "Entbettung" des menschlichen Handelns, eine wachsende Bedeutung des "Handelns auf Distanz" - wie Anthony Giddens[2] dies feststellte -, nicht zuletzt auch auf Grund der atemberaubenden Entwicklung der Telekommunikation, der technologischen Revolution des Informations- und Kommunikationssektors. Hier ist teilweise von quantensprunghafter Entwicklung die Rede.

 

Der Globalisierungsprozess bedeutet für Europa nicht nur einen wirtschaftlichen Wandel (Erstarken und Niedergang von (nationalen) Volkswirtschaften), sondern er markiert auch einen sozialen und kulturellen Wandel. Gesellschaften verändern sich in ihrer Struktur etwa im Hinblick auf Einkommensverhältnisse, Bildung, soziale Sicherung, Wertvorstellungen, kulturelle Eigenarten.

 

Der Globalisierungsprozess erreicht den europäischen Kontinent auch in Form eines starken Migrationsdrucks aus den Ländern der "Dritten Welt" mit entsprechenden illegalen Wanderungsbewegungen, weiter in der Gestalt fundamentalistischer Tendenzen, unter denen der vielfach auf Europa übergreifende islamische Fundamentalismus[3] nur eine Spielart darstellt, wie auch als neue Erscheinungsformen des organisierten Verbrechens, insbesondere des massiven Menschenschmuggels und Menschenhandels (insbesondere im Bereich der Prostitution) sowie der global organisierten Wirtschafts- und Computerkriminalität.

       

Es leuchtet unmittelbar ein, dass die Polizei von diesen Veränderungen nicht unberührt bleibt. Sie haben Auswirkungen sowohl auf das polizeiliche Aufgabenfeld, auf die Organisation der Polizei, die Qualifikationsanforderungen als auch auf das polizeiliche Selbstverständnis.

 

Die Aufgaben, die Anforderungen und Erwartungen an die polizeiliche Aufgabenwahrnehmung, die Rahmenbedingungen und Regeln des Handelns sowie die Erfolgsmaßstäbe für die Arbeit der Polizei sind anspruchsvoller, komplexer und sicherlich auch konfliktträchtiger geworden. Und: Es sind zum Teil Aufgaben mit bisher unbekannten Anforderungsstrukturen.

 

Dazu gehört u.a. das veränderte Aufgaben- und Funktionsverständnis der öffentlichen Verwaltung. Ohne im Einzelnen auf die Diskussion einzugehen, lässt sich festhalten, dass sich Verwaltung heute zunehmend als ein dem Gemeinwohl verpflichteter Dienstleister versteht.

 

 

 

Auch dort wo Verwaltung hoheitlich tätig ist, wird sie nicht um ihrer selbst willen oder aus einem abstrakten Staats- oder Verwaltungsverständnis tätig, sondern übt Funktionen für Gesellschaft und die Bürgerinnen und Bürger aus. Dieses Bewusstsein erfüllt die Angehörigen der Polizei immer nachhaltiger. Es drückt sich nicht nur in  organisationskulturellen Festschreibungen (Leitbildern) aus, sondern reflektiert sich auch im alltäglichen Handeln der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. "Dienstleistungen Innere Sicherheit" ist Arbeit für den einzel-nen Bürger.

 

Hinzu kommt Folgendes: Der Zwang zum Sparen lässt neue Verwaltungsformen entstehen, umschrieben mit Budgetierung, dezentraler Ressourcen-verantwortung, Kosten-Leistungsrechnung, Controlling, aber auch Leanmanagement und Privatisierung öffentlicher Aufgaben.

 

Das verlangt auch für die Polizei neue Denkweisen im Stile betriebswirt-schaftlicher Managementkonzepte mit prononcierter Effizienzbetrachtung von Organisationsstrukturen und Leistungsergebnissen (Produkten). Dafür können sich - und das macht polizeiliche Arbeit unter den genannten Bedingungen wohl noch komplizierter - "Abwägungsdilemmata" zwischen Kosten-/Nutzen-optimierung auf der einen und Gewährleistung von Sicherheitsstandards auf der anderen Seite ergeben.

 

Auch im Bereich der Organisations- und Führungskultur der Polizei sind bedeutsame Veränderungen zu vermerken. Die Einstellung der Menschen zur Arbeitswelt hat sich, uns allen bewusst, verändert. Arbeit wird insbesondere dann positiv bewertet, wenn sie auch Sinnerfahrung vermittelt.

 

 

Die Menschen wollen in Entscheidungsprozesse die ihren Aufgabenbereich betreffen einbezogen werden; sie verlangen nach Transparenz und haben ein großes Bedürfnis nach Kommunikation; Anerkennung ihrer Arbeit ist ihnen wichtig. Dies sind Herausforderungen, denen mit kooperativem Führungsstil, Delegation von Verantwortung, Zielvereinbarungen und Partnerschaft begegnet werden muss.

 

Der Vorgesetzte kann immer weniger als Macher agieren, sondern muss sich zunehmend als "Beweger" verstehen, der Anstöße gibt, Visionen fördert und einbringt. Das aber wiederum bedeutet Veränderung in den Anforderungen an Führungskräfte: es sind Qualifikationen gefragt, die mehr auf moderierende, koordinierende, integrierende und "visionäre" oder innovative Potentiale hinauslaufen.

 

Konsequenz aus diesen Entwicklungen muss die Einsicht sein, dass wir in Zukunft noch stärker eine moderne, intelligente und effiziente Polizei benötigen, bei der auch die zwischenmenschliche Kommunikation im Vordergrund steht.[4]

 

 

 

Konsequenzen für die Bildung

 

Die geschilderten Entwicklungen werden die Arbeit der Bildungseinrichtungen in starkem Maße beeinflussen. Der vorhandene enorme Veränderungsdruck zieht inhaltliche, didaktisch-methodische und lernorganisatorische Konsequenzen nach sich. Ich möchte dies in gestraffter Form in den nachfolgenden 10 Punkten darlegen.

 

1.                Lebenslanges Lernen

 

Ausgangspunkt aller Überlegungen ist, dass Bildung mehr ist als eine einmal erlangte Grundausstattung für das Leben; in einer Wissensgesellschaft gibt es keine abgeschlossene Bildung mehr. Vielmehr ist Bildung ein persönlicher und gesellschaftlicher Dauerauftrag, der in dem Grundsatz vom lebenslangen Lernen seinen Ausdruck findet -  mit anderen Worten:  Lernen wird zur lebenslangen Aufgabe.

 

 

 

2.         Verhältnis von Ausbildung und Weiterbildung

 

Für die Bildungseinrichtungen bedeutet dies zunächst, dass die Ausbildung für einen Beruf nur ein Teil ihrer Aufgabe sein kann. Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Ausbildung heute Befähigungen für gewisse Gebiete nur noch für die Zeitdauer von 3 bis 5 Jahren vermitteln kann. Das Stichwort von der Halbwertzeit ist hier angebracht.

 

Neben der Ausbildung kommt somit der beruflichen  Weiterbildung in der Zukunft ein ganz neuer Stellenwert zu. Notwendig ist für die Zukunft ein  beständiger Wechsel zwischen Berufstätigkeit und Bildung.[5]

 

Ausbildung und Weiterbildung müssen sich ergänzen; Weiterbildung setzt dort an, wo Ausbildung aufhört. Ausbildung und Weiterbildung müssen miteinander verzahnt werden. Hierbei ist durchaus denkbar, dass die Grundausbildung für den Beruf in der Zukunft zugunsten der Weiterbildung verkürzt werden kann. Voraussetzung ist jedoch, dass ein integratives System von Aus- und Weiterbildung entwickelt wird.

 

Hierbei muss ein flexibles, auf individuelle Bedürfnisse zugeschnittenes System an Weiterbildungsmöglichkeiten bestehen (Baukasten- bzw. Modulsystem). Der einzelne Mitarbeiter muss die Möglichkeit haben, sich schnell, umfassend und intensiv mit einer neuen Materie zu beschäftigen, wenn dies für sein berufliches Aufgabenfeld erforderlich ist.

 

Organisatorisch kann dies in einer Kombination von Fern- und Präsenzstudium durchgeführt werden. Dabei wird nur noch ein Teil der Unterrichtsveranstaltungen vor Ort an den Bildungseinrichtungen durchgeführt und der Arbeitsplatz sowie das Büro zu Hause stärker als bisher einbezogen.[6]

 

Für die Bildungseinrichtungen der Polizei ist dies eine große Herausforderung, da man sich in diesem Bereich von einem eher statisch angelegten Curriculum lösen und dynamische Entwicklungen in den Bildungsprozess mit einbeziehen muss.

 

 

 

3.         Curriculare Änderungen

 

Inhaltlich müssen die Curricula durchforstet, angepasst und fortgeschrieben werden. Ausbildungsgänge sind auch heute noch vielfach inhaltlich-stofflich überfrachtet; sie folgen häufig noch immer dem üblichen Grundsatz des Lernens auf Vorrat. Die Vermittlung beschränkt sich weitgehend auf eine rein kognitive Anhäufung von "Stoff", der am Schluss in den herkömmlichen -schriftlichen und mündlichen - Prüfungen abgefragt wird.[7] 

 

Da die rasante Wissensvermehrung es unmöglich macht, die gesamte Wissensbreite eines Fachs aufzunehmen, zudem Wissensinhalte immer schneller "veralten" bzw. "obsolet" werden, verliert die Vermittlung von Fachwissen ihre dominierende Funktion. In den Vordergrund treten die Vermittlung von Methodenkompetenzen, sowie Kommunikations- und Kooperationsfähigkeiten, die immer mehr zum eigentlichen Kern beruflicher Handlungskompetenz werden.[8]

 

Dabei geht es vor allem darum, die Fähigkeiten zu erwerben, in größeren Zusammenhängen zu denken, Phantasie zu entwickeln, vorhandenes Wissen selbständig zu erschließen, praktische Probleme anzugehen, dabei sich mit anderen zu verständigen mit ihnen zusammenzuarbeiten, sich selbst richtig einzuschätzen und seine Arbeit sowie die Arbeit anderer möglichst optimal zu organisieren.

 

Hierzu gehören neben Eigenverantwortung, vor allem kommunikative Fähigkeiten, Motivationsvermögen, Teamgeist und Konfliktfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Selbstsicherheit, Erfahrung im Umgang mit Krisen.

 

Diese sog. Schlüsselqualifikationen - ich schließe neue unbekannte Situationen für mich auf und führe sie einer Lösung zu - erhalten neben dem unverzichtbaren Fachwissen zunehmende Bedeutung.

 

Die Schwierigkeit besteht in der Vermittlung dieser Kompetenzen, sie sind nicht wie Lehrbuchwissen erlernbar, sondern müssen - möglichst durch eigene Erfahrung - erworben werden.

 

 

4.      Neue didaktische Konzepte

 

Von den Bildungseinrichtungen sind deshalb künftig zunehmend didaktisch/pädagogische Konzepte gefordert, die die Fähigkeit zur Eigenverantwortung und zur Selbstorganisation des Lernenden in den Mittelpunkt stellen.

 

Das bedeutet: Kein abstraktes Lehrbuch- oder Faktenwissen ist zu vermitteln, vielmehr müssen Seminare und Projektarbeiten im Vordergrund des Unterrichtsgeschehens stehen; realistische Übungen und lebensnahe Trainings ergänzen das Angebot. Wahlmöglichkeiten müssen verstärkt werden.

 

 

5.         Geändertes Bild des Dozenten

 

Auch das Bild des Lehrenden/ des Dozenten wird sich wandeln. Ein Dozent wird künftig nicht mehr ausschließlich Wissensvermittler, sondern immer mehr auch Moderator von selbständigen und gruppenorientierten Lernprozessen sein.[9]

 

Für den Dozenten bedeutet dies, dass er beständig die optimale Kongruenz von Fachwissen und Didaktik sucht.[10] Die Aufgabe eines Dozenten wird durch diesen Wandel nicht einfacher; im Gegenteil: heute kann ein Dozent die inhaltliche Diskussion insoweit steuern, als die sich auf wesentliche Aussagen der angebotenen Lehrinhalte bezieht.

 

Hat der Studierende bei der Entwicklung von Problemlagen künftig mehr Freiraum, verbreitert sich auch die inhaltliche Diskussion und stellt den Lehrenden vor höhere Anforderungen.

 

 

6.         Praxisbezug

 

Bei all diesen Überlegungen darf - und dies gilt insbesondere für die Ausbildung der Polizei - der Praxisbezug nicht vernachlässigt werden.

 

Praxisbezug und theoretische Aufarbeitung sollten zu einer Einheit verbunden werden. "Ganzheitliche Betrachtung" steht hier im Vordergrund, d.h., einen Teil zu sehen und zu bearbeiten, ohne das damit strukturell verbundene Ganze aus den Augen zu verlieren. Nur diese Sichtweise wird einer komplexen und unübersichtlich werdenden Lebenswirklichkeit gerecht.

 

In der konkreten Umsetzung bedeutet dies: erforderlich ist eine genaue Abstimmung der praktischen und theoretischen Lehrinhalte; die Praxis gibt Anregungen / Hinweise für theoretische Klärungen und Orientierungen; die Theorie ist der Verbesserung der Praxis verpflichtet; der Praxisaufenthalt muss als Teil der Ausbildung verstanden werden; ein Aspekt hierbei ist die Auswahl und Schulung von erfahrenen und pädagogisch geeigneten Mitarbeitern, die für die Betreuung von Praktikanten eingesetzt werden.[11] Die andere Seite ist, die Lehrenden immer wieder auf die Vermittlerrolle zwischen Theorie und Praxis hinzuweisen.

 

Nur in einem umfassend angelegten Praktikum können die handwerklichen Grundlagen des Polizeiberufs erlernt werden und nur in einer nach wissenschaftlich-systematischen Prinzipien aufgebauten Lehre können zukunftstaugliche methodische Kompetenzen erworben werden.

 

 

7.         Polizeiwissenschaft

 

Betrachtungen über ein künftiges Curriculum führen aber auch noch zu einer weiteren Aussage: Polizeirelevante Wissensbereiche, Methodik, Didaktik müssen in einem Gesamtzusammenhang gesehen werden.

 

Die polizeiliche Aus- und Weiterbildung ist ein einheitliches Ganzes; dieses wird von anderen Wissenschaften  - dem Recht, der Organisationslehre, der Betriebswirtschaft - in wesentlichen Maßen beeinflusst; die  polizeilichen Bedürfnisse müssen jedoch speziell  herausgearbeitet werden.

 

Um dies zu erreichen ist es erforderlich, eine wissenschaftlich fundierte polizeiliche Entscheidungs- und Handlungskompetenz zu entwickeln, in deren Rahmen die anfallenden Probleme gelöst werden können.

 

Notwendig hierfür ist eine polizeiliche Handlungslehre, eine Polizei-wissenschaft, die von dem vorhandenen polizeilichen Wissen ausgeht, es kritisch prüft, analysiert, systematisiert und weiterentwickelt, um es unmittelbar der Praxis wieder zugänglich zu machen.

 

Dabei kann es nicht darum gehen, um der Wissenschaft willen die Grundlagen polizeilichen Handelns neu zu untersuchen und zu fundieren. Ein großer Teil des polizeilichen Fach-Know-hows ist als Erfahrungswissen vorhanden oder ausführlich in der Literatur dokumentiert. Vieles, was zukünftig an Fachwissen zusätzlich benötigt wird – etwa aus der Betriebswirtschaft – kann übernommen und angepasst werden.

 

Aber es kommt darauf an, das vorhandene Wissen in Zukunft durchgängig zu analysieren, zu systematisieren und in seinen Kernaussagen noch wirksamer herauszuarbeiten und zu erkennen, wo es eigener polizeilicher Forschungsansätze bedarf.

 

Der ständige Umgang mit systematischer Analytik ist gerade für die spätere Berufspraxis ein entscheidender Erfolgsfaktor. Jeder Praktiker handelt nach bestimmten Prinzipien, Methoden und Problemlösungstechniken, die er sich im Laufe der Zeit angeeignet hat.

 

Es kommt deshalb darauf an, möglichst frühzeitig und umfassend die Fähigkeit zum analytischen und systematischen Denken und zur professionellen Problemlösung zu entwickeln.

 

 

 

8.         Multimedia in der polizeilichen Bildung

 

Multimedia - die Kombination aus Text, Ton, Bild, Grafik, Animation und Video - wird die Pädagogik und Didaktik bei der Vermittlung von Lehrinhalten tiefgreifend verändern. Man kann sogar behaupten:

 

Multimedia wird eine Revolution bei den Bildungseinrichtungen auslösen.

 

Die unbestreitbare Leistung moderner Medien liegt in der Möglichkeit, aktuelle Informationen und Lerninhalte schnell einem großen Kreis von Personen verfügbar zu machen. Darüber hinaus bieten neue Medien bei kompetenter gestalterischer und didaktischer Aufbereitung die Möglichkeit, komplexe Inhalte anschaulich und bedürfnisgerecht aufzubereiten und bieten damit eine gute Grundlage für lebenslanges Lernen. Ein aktueller Stellenwert kommt hierbei den netzbasierten Konzepten zu.

 

Die Faszination dieser Medien für das Lernen liegt in der weltweiten und flexiblen Verfügbarkeit von Information und Kommunikation. Zu jeder Zeit und an jedem Ort sind Daten verfügbar. Damit sind Problemstellungen im Lernprozess, aber auch am Arbeitsplatz bedarfsgerecht mit Hilfe umfassender Informationen lösbar. Mit anderen Worten: wir haben es mit Formen selbstgesteuerten und produktiven Lernens und Lehrens in offenen und flexiblen Lernumgebungen zu tun.

 

Ganz bedeutsam in diesem Zusammenhang sind die Möglichkeiten gemeinsamen Lernens. Polizistinnen und Polizisten können sich via Net grenzüberschreitend, regional, national und international zu Lern-gemeinschaften zusammenschließen und damit den wachsenden Anforderungen nach internationaler Kooperation gerecht werden. Expertinnen und Experten sowie Informationen aus aller Welt stehen zur Verfügung und liefern die Basis für ein differenziertes Wissensnetzwerk.

 

Die Stichworte sind hier etwa Intranet, Extranet oder Internet. Der gewichtige Aspekt ist, über die Nutzung von Netzen ein höheres Maß an Interaktivität, also an wechselseitiger Auseinandersetzung als bei den herkömmlichen Lernprogrammen zu ermöglichen: über die Bearbeitung der Inhalte hinaus sind Kontakte zu Tutoren/Fachleuten oder weiteren Lernern, die Erörterung und Weiterbearbeitung „des Stoffs“ sowie der Austausch von Anwendungserfahrungen z.B. in Foren und Chat-Groups möglich.

 

Bildungseinrichtungen sind Kristallisationspunkte einer solchen Entwicklung. Sie verfügen über Expertenwissen, sie bündeln Informationen und sind in der Lage, diese didaktisch aufzubereiten. Die Konzeption von Lernprogrammen, das Angebot von Tutorien, der Aufbau und die Moderation von Diskussionsforen gehören ebenso dazu wie die mediendidaktische Qualifizierung der Lehrenden und Lernenden.

 

Für die Bildungseinrichtung tut sich hier ein weites und eminent wichtiges Aufgabenfeld auf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

9.         Bildungscontrolling und Evaluation

 

Für die Zukunft sind die Erfolge der Bildung auch einer regelmäßigen Bewertung zu unterziehen. Die Aus- und Weiterbildung der Polizei ist                - notwendigerweise -   zeit- und kostenaufwendig. Es besteht deshalb ein großes Interesse daran, sie so effektiv und effizient wie möglich zu gestalten.

 

Hierzu gehört u.a. eine adressatengerechte Bedarfserhebung als Grundvoraussetzung für Bildungsprogramme. Erforderlich ist eine wesentlich stärkere Kundenorientierung bei Auswahl und Gestaltung von Aus- und Weiterbildungsprogrammen.

 

Gleichzeitig muss die Bildungsarbeit und deren Ziele evaluiert werden, um festzustellen, ob die bei der praktischen Umsetzung des Erlernten gewünschten Effekte eintreten und nachhaltig sind.  Die Bewertung sollte sich aber nicht nur auf die Inhalte beschränken, sondern auch die Effizienz, vor allem aber auch die Wirtschaftlichkeit der Bildungsveranstaltungen mit umfassen.

 

Lehrende sollten von einer Bewertung nicht ausgenommen werden; dies sollte nicht als Kritik, sondern als sinnvolle Möglichkeit zur Verbesserung eigener Qualifikationen angesehen werden. Erfahrungen an Deutschen Hochschulen haben ergeben, dass die an Dozenten zurückgekoppelten Ergebnisse Wirkung zeigen. Ohne Pädagogik bleibt ein Dozent wirkungslos und ohne wissenschaftlich fundiertes Fachwissen bleibt seine Lehre der Beliebigkeit und dem Subjektivismus verschrieben – das darf und kann sich heute keine Bildungseinrichtung mehr leisten.[12]

 

10.         Internationalisierung polizeilicher Bildungsarbeit

 

Zum Abschluss meines Vortrags möchte ich nochmals den wichtigen Gesichtspunkt internationaler Polizeiarbeit unter dem Aspekt Polizeiausbildung aufgreifen. Die zunehmende Notwendigkeit und Möglichkeit der internationalen Zusammenarbeit führt dazu, dass die interkulturelle Kompetenz immer wichtiger wird.[13] Interkulturelle Kompetenz ist zunächst - aber keineswegs nur - Kommunikationsfähigkeit in gängigen europäischen Sprachen. Sicherlich sind Fremdsprachenkenntnisse ein wichtiger Aspekt. Erforderlich sind aber darüber hinausgehende Wissens- und Handlungskompetenz in einer Welt, in der sich "die internationalen Verflechtungen verdichten und in der die Anwesenheit des "Fremden" selbstverständlicher wird.[14]

 

Zum besseren gegenseitigen Verständnis ist deshalb eine Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen, gesellschaftlichen, europäischen und globalen Entwicklungen und den Rahmenbedingungen interkultureller Beziehungen erforderlich.

 

Diese Gedanken sind zunächst auf nationaler Ebene von den Bildungseinrichtungen der Polizei aufzunehmen. In einem Fachgebiet "Internationalisierung" können die Entwicklungen der EU, der Wandel in Osteuropa, die globalen Veränderungen und ihre Auswirkungen auf die Polizei, die Möglichkeiten operativer Zusammenarbeit der Polizei dargestellt werden.

 

Eine Kernaufgabe der neu gegründeten EPA wird es künftig sein, eine Europäisierung der Bildungsarbeit der Polizei weiterzuführen. Internationale Seminare, Vertiefung der Kenntnisse über die nationalen Polizeisysteme, Harmonisierung von Lehrplänen für gewisse Gebiete, Verbreitung bewährter Verfahren und Forschungsergebnisse sind nur einige der erforderlichen Maßnahmen.

 

Hier wurde auch schon in der Vergangenheit Hervorragendes geleistet, insbesondere auch durch die MEPA, die in ihrer in der Welt einzigartigen Form Polizeien über die Ländergrenzen hinweg zusammengeführt hat.

 

 

Anrede

 

Europa wächst weiter zusammen. Unser aller Wunsch ist, dass auf diesem Weg die hohen Güter Freiheit, Sicherheit und Recht für alle Bürgerinnen und Bürger unverlierbar garantiert werden. Die Vergangenheit in unserem Lande, aber auch in anderen Teilen Europas, hat uns den Wert dieser Güter gelehrt. Jeder Anschlag auf sie - ich denke hier auch an aktuelle Phänomene hier bei uns - ist energisch zu bekämpfen. Hier ist nicht nur, aber auch die Polizei gefordert. Ein entscheidender Garant dafür ist eine strikt den Menschenrechten und der Rechtsstaatlichkeit verpflichtete Polizei. Diese Verpflichtung zu betonen, als selbstverständliches Leitprinzip aller Polizeibeschäftigten zu festigen, wach zu halten und mit Handlungskompetenz zu unterlegen, ist eine der vornehmsten Aufgaben polizeilicher Bildungsarbeit. Ich bin sicher, wir sind insgesamt auf einem guten Weg. Allerdings müssen wir ihn auch weiter zielstrebig und zukunftsoffen gehen. Dazu denke ich, kann uns auch die Erfahrung der Vergangenheit und die Bewältigung der Gegenwart helfen.



[1] Vgl. Sterbling, Europäische Entwicklungen und die Ausbildung der Polizei, in: Rothenburger Beiträge Bd. 10, S. 44

 

[2] Siehe: Giddens, Anthony: Beyond Left and Right. The Future of Radical Politics. Cambridge 1994, insb. S. 4 f; Giddens, Anthony: Konsequenzen der Moderne. Frankfurt a.M. 1995, insb. S. 33 ff.

[3] Siehe auch: Tibi, Bassam: Fundamentalismus im Islam. Eine Gefahr für den Weltfrieden, Darmstadt 2000.

[4] Vgl. umfassend Feltes; Eine Reform der Polizei beginnt mit der Reform der Ausbildung, in: Die Polizei,  1997, S. 117

 

[5] Feltes, a.a.O.

[6]  Münch, Studienreform Hessen, in: Polizei-heute, 2000, S. 152

[7] Löbbecke, Zur Bedeutung des Schlüsselqualifikations- und Kompetenzansatzes für die Ausbildung an den Fachhochschule der Polizei, in: Die Polizei, Heft 5/2000, S. 139

 

[8] Arnold, Rolf: Weiterbildung und Beruf, zitiert bei Löbbecke, a.a. O., S. 139

[9] Herzog, Zukunft unseres Bildungssystems, BPA-Bull. Nr. 15/1999 vom 13.4.1999, S. 158

[10] Vgl. Chalka, Einheiheit der wissenschaftlichen-pädagogischen Arbeit der Beamten, Bratislava 1998, S. 49

[11] Münch, a.a. O.

[12]  Feltes, a.a.O.

[13] Sterbling, a.a. O., S. 11

[14] Sterbling, a.a.O.