Präsident der Polizei-Führungsakademie
Zur
Zukunft der polizeilichen Bildung
Im gegenwärtigen
Prozess des Zusammenwachsens Europas verlieren nationale Aspekte an Bedeutung,
die europäische Dimension kommt immer mehr zum Tragen. Stand zunächst die
wirtschaftliche Entwicklung im
Vordergrund, so ist immer stärker auch ein politisches Zusammenwachsen zu
sehen. Der Fortfall von Grenzkontrollen, der sich faktisch auch in einer
Relativierung von Grenzen auswirkt, Rechtsangleichungen, Freizügigkeit auf dem
Arbeitsmarkt und Niederlassungsfreiheit sowie die Anerkennung von
Bildungsabschlüssen, um nur Einiges zu nennen, lassen es heute schon berechtigt
erscheinen, den Begriff einer europäischen Kultur, jedenfalls in Grundlinien,
zu bemühen. Weitergehend ist auch die Herausbildung einer Wertegemeinschaft
erkennbar.
Mussten
wir bisher schon feststellen, dass das Zusammenwachsen West-Europas oder,
besser gesagt der Europäischen Union ein nicht unbeschwerlicher Weg war, wird
der nächste, bereits laufende Schritt in Richtung Osteuropa eine neuerliche
große Herausforderung. Ich will das nicht im Detail erörtern, sondern nur
umreißen: es sind nationale Spezifika bzw. Interessen vor allem wirtschaftliche
und soziale Rahmenbedingungen sowie die jeweilige gewachsene politische Kultur
zu berücksichtigen. Hier dürften auf längere Zeit noch erhebliche
Schwierigkeiten zu überwinden sein. Der differenzierte Zeitplan zum EU-Beitritt
weist auf diese Problematik hin.
Ich
möchte ein anderes Stichwort einführen, das die Thematik erweitert. Es handelt
sich um den Komplex Globalisierung. Man kann sich nicht immer des Eindrucks
erwehren, dass dieser Begriff teilweise zu einem Schlagwort abgewertet ist. Im
Kern bezeichnet er allerdings gravierende Veränderungen.
Globalisierung
meint zunächst die zunehmenden weltweiten wirtschaftlichen Verflechtungen und
sozialen Interdependenzen im Zuge einer sich vertiefenden internationalen
Arbeitsteilung, eines stark angewachsenen internationalen Warenverkehrs, eines
rasch zunehmenden grenzüberschreitenden Austausches von Dienstleistungen und
einer sehr beschleunigten und nahezu unbegrenzten Kapitalzirkulation rund um
den Globus.[1]
In
sozialer Hinsicht bedeutet Globalisierung eine immer geringere Relevanz und
Bindungskraft konkreter raum-zeitlicher Handlungskontexte und unmittelbarer
sozialer Beziehungen, eine fortschreitende "Entbettung" des
menschlichen Handelns, eine wachsende Bedeutung des "Handelns auf Distanz"
- wie Anthony Giddens[2]
dies feststellte -, nicht zuletzt auch auf Grund der atemberaubenden
Entwicklung der Telekommunikation, der technologischen Revolution des
Informations- und Kommunikationssektors. Hier ist teilweise von
quantensprunghafter Entwicklung die Rede.
Der
Globalisierungsprozess bedeutet für Europa nicht nur einen wirtschaftlichen
Wandel (Erstarken und Niedergang von (nationalen) Volkswirtschaften), sondern
er markiert auch einen sozialen und kulturellen Wandel. Gesellschaften
verändern sich in ihrer Struktur etwa im Hinblick auf Einkommensverhältnisse,
Bildung, soziale Sicherung, Wertvorstellungen, kulturelle Eigenarten.
Der
Globalisierungsprozess erreicht den europäischen Kontinent auch in Form eines
starken Migrationsdrucks aus den Ländern der "Dritten Welt" mit
entsprechenden illegalen Wanderungsbewegungen, weiter in der Gestalt
fundamentalistischer Tendenzen, unter denen der vielfach auf Europa
übergreifende islamische Fundamentalismus[3]
nur eine Spielart darstellt, wie auch als neue Erscheinungsformen des
organisierten Verbrechens, insbesondere des massiven Menschenschmuggels und
Menschenhandels (insbesondere im Bereich der Prostitution) sowie der global
organisierten Wirtschafts- und Computerkriminalität.
Es
leuchtet unmittelbar ein, dass die Polizei von diesen Veränderungen nicht
unberührt bleibt. Sie haben Auswirkungen sowohl auf das polizeiliche
Aufgabenfeld, auf die Organisation der Polizei, die Qualifikationsanforderungen
als auch auf das polizeiliche Selbstverständnis.
Die
Aufgaben, die Anforderungen und Erwartungen an die polizeiliche
Aufgabenwahrnehmung, die Rahmenbedingungen und Regeln des Handelns sowie die
Erfolgsmaßstäbe für die Arbeit der Polizei sind anspruchsvoller, komplexer und
sicherlich auch konfliktträchtiger geworden. Und: Es sind zum Teil Aufgaben mit
bisher unbekannten Anforderungsstrukturen.
Dazu
gehört u.a. das veränderte Aufgaben- und Funktionsverständnis der öffentlichen
Verwaltung. Ohne im Einzelnen auf die Diskussion einzugehen, lässt sich
festhalten, dass sich Verwaltung heute zunehmend als ein dem Gemeinwohl
verpflichteter Dienstleister versteht.
Auch
dort wo Verwaltung hoheitlich tätig ist, wird sie nicht um ihrer selbst willen
oder aus einem abstrakten Staats- oder Verwaltungsverständnis tätig, sondern
übt Funktionen für Gesellschaft und die Bürgerinnen und Bürger aus. Dieses
Bewusstsein erfüllt die Angehörigen der Polizei immer nachhaltiger. Es drückt
sich nicht nur in
organisationskulturellen Festschreibungen (Leitbildern) aus, sondern
reflektiert sich auch im alltäglichen Handeln der Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter. "Dienstleistungen Innere Sicherheit" ist Arbeit für
den einzel-nen Bürger.
Hinzu
kommt Folgendes: Der Zwang zum Sparen lässt neue Verwaltungsformen entstehen,
umschrieben mit Budgetierung, dezentraler Ressourcen-verantwortung,
Kosten-Leistungsrechnung, Controlling, aber auch Leanmanagement und
Privatisierung öffentlicher Aufgaben.
Das
verlangt auch für die Polizei neue Denkweisen im Stile
betriebswirt-schaftlicher Managementkonzepte
mit prononcierter Effizienzbetrachtung von Organisationsstrukturen und
Leistungsergebnissen (Produkten). Dafür können sich - und das macht
polizeiliche Arbeit unter den genannten Bedingungen wohl noch komplizierter -
"Abwägungsdilemmata" zwischen Kosten-/Nutzen-optimierung auf der
einen und Gewährleistung von Sicherheitsstandards auf der anderen Seite
ergeben.
Auch
im Bereich der Organisations- und Führungskultur der Polizei sind bedeutsame
Veränderungen zu vermerken. Die Einstellung der Menschen zur Arbeitswelt hat
sich, uns allen bewusst, verändert. Arbeit wird insbesondere dann positiv
bewertet, wenn sie auch Sinnerfahrung vermittelt.
Die
Menschen wollen in Entscheidungsprozesse die ihren Aufgabenbereich betreffen
einbezogen werden; sie verlangen nach Transparenz und haben ein großes
Bedürfnis nach Kommunikation; Anerkennung ihrer Arbeit ist ihnen wichtig. Dies
sind Herausforderungen, denen mit kooperativem Führungsstil, Delegation von
Verantwortung, Zielvereinbarungen und Partnerschaft begegnet werden muss.
Der
Vorgesetzte kann immer weniger als Macher agieren, sondern muss sich zunehmend
als "Beweger" verstehen, der Anstöße gibt, Visionen fördert und
einbringt. Das aber wiederum bedeutet Veränderung in den Anforderungen an
Führungskräfte: es sind Qualifikationen gefragt, die mehr auf moderierende,
koordinierende, integrierende und "visionäre" oder innovative
Potentiale hinauslaufen.
Konsequenz
aus diesen Entwicklungen muss die Einsicht sein, dass wir in Zukunft noch
stärker eine moderne, intelligente und effiziente Polizei benötigen, bei der
auch die zwischenmenschliche Kommunikation im Vordergrund steht.[4]
Die
geschilderten Entwicklungen werden die Arbeit der Bildungseinrichtungen in
starkem Maße beeinflussen. Der vorhandene enorme Veränderungsdruck zieht
inhaltliche, didaktisch-methodische und lernorganisatorische Konsequenzen nach
sich. Ich möchte dies in gestraffter Form in den nachfolgenden 10 Punkten
darlegen.
1.
Lebenslanges
Lernen
Ausgangspunkt aller Überlegungen ist, dass Bildung
mehr ist als eine einmal erlangte Grundausstattung für das Leben; in einer Wissensgesellschaft
gibt es keine abgeschlossene Bildung mehr. Vielmehr ist Bildung ein
persönlicher und gesellschaftlicher Dauerauftrag, der in dem Grundsatz vom lebenslangen
Lernen seinen Ausdruck findet - mit
anderen Worten: Lernen wird zur
lebenslangen Aufgabe.
2. Verhältnis von Ausbildung und
Weiterbildung
Für die Bildungseinrichtungen bedeutet dies
zunächst, dass die Ausbildung für einen Beruf nur ein Teil ihrer Aufgabe
sein kann. Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass die Ausbildung heute
Befähigungen für gewisse Gebiete nur noch für die Zeitdauer von 3 bis 5 Jahren
vermitteln kann. Das Stichwort von der Halbwertzeit ist hier angebracht.
Neben der Ausbildung kommt somit der
beruflichen Weiterbildung in der
Zukunft ein ganz neuer Stellenwert zu. Notwendig ist für die Zukunft ein beständiger Wechsel zwischen
Berufstätigkeit und Bildung.[5]
Ausbildung
und Weiterbildung müssen sich ergänzen; Weiterbildung setzt dort an, wo
Ausbildung aufhört. Ausbildung und Weiterbildung müssen miteinander verzahnt
werden. Hierbei ist durchaus denkbar, dass die Grundausbildung für den
Beruf in der Zukunft zugunsten der Weiterbildung verkürzt werden kann.
Voraussetzung ist jedoch, dass ein integratives System von Aus- und Weiterbildung
entwickelt wird.
Hierbei muss ein flexibles, auf individuelle
Bedürfnisse zugeschnittenes System an Weiterbildungsmöglichkeiten bestehen
(Baukasten- bzw. Modulsystem). Der einzelne Mitarbeiter muss die Möglichkeit
haben, sich schnell, umfassend und intensiv mit einer neuen Materie zu
beschäftigen, wenn dies für sein berufliches Aufgabenfeld erforderlich ist.
Organisatorisch kann dies in einer Kombination
von Fern- und Präsenzstudium durchgeführt werden. Dabei wird nur noch ein Teil
der Unterrichtsveranstaltungen vor Ort an den Bildungseinrichtungen
durchgeführt und der Arbeitsplatz sowie das Büro zu Hause stärker als bisher
einbezogen.[6]
Für die Bildungseinrichtungen der Polizei ist
dies eine große Herausforderung, da man sich in diesem Bereich von einem eher
statisch angelegten Curriculum lösen und dynamische Entwicklungen in den
Bildungsprozess mit einbeziehen muss.
3. Curriculare Änderungen
Inhaltlich müssen die Curricula durchforstet,
angepasst und fortgeschrieben werden. Ausbildungsgänge sind auch heute noch
vielfach inhaltlich-stofflich überfrachtet; sie folgen häufig noch immer dem
üblichen Grundsatz des Lernens auf Vorrat. Die Vermittlung beschränkt
sich weitgehend auf eine rein kognitive Anhäufung von "Stoff", der am
Schluss in den herkömmlichen -schriftlichen und mündlichen - Prüfungen
abgefragt wird.[7]
Da die rasante Wissensvermehrung es unmöglich
macht, die gesamte Wissensbreite eines Fachs aufzunehmen, zudem Wissensinhalte
immer schneller "veralten" bzw. "obsolet" werden, verliert
die Vermittlung von Fachwissen ihre dominierende Funktion. In den Vordergrund
treten die Vermittlung von Methodenkompetenzen, sowie Kommunikations- und
Kooperationsfähigkeiten, die immer mehr zum eigentlichen Kern beruflicher
Handlungskompetenz werden.[8]
Dabei geht es vor allem darum, die Fähigkeiten
zu erwerben, in größeren Zusammenhängen zu denken, Phantasie zu entwickeln,
vorhandenes Wissen selbständig zu erschließen, praktische Probleme anzugehen,
dabei sich mit anderen zu verständigen mit ihnen zusammenzuarbeiten, sich
selbst richtig einzuschätzen und seine Arbeit sowie die Arbeit anderer möglichst
optimal zu organisieren.
Hierzu gehören neben Eigenverantwortung, vor
allem kommunikative Fähigkeiten, Motivationsvermögen, Teamgeist und
Konfliktfähigkeit, Einfühlungsvermögen, Selbstsicherheit, Erfahrung im Umgang
mit Krisen.
Diese sog. Schlüsselqualifikationen - ich
schließe neue unbekannte Situationen für mich auf und führe sie einer Lösung zu
- erhalten neben dem unverzichtbaren Fachwissen zunehmende Bedeutung.
Die Schwierigkeit besteht in der Vermittlung
dieser Kompetenzen, sie sind nicht wie Lehrbuchwissen erlernbar, sondern müssen
- möglichst durch eigene Erfahrung - erworben werden.
4. Neue didaktische Konzepte
Von den Bildungseinrichtungen sind deshalb
künftig zunehmend didaktisch/pädagogische Konzepte gefordert, die die Fähigkeit
zur Eigenverantwortung und zur Selbstorganisation des Lernenden in den
Mittelpunkt stellen.
Das bedeutet: Kein abstraktes Lehrbuch- oder
Faktenwissen ist zu vermitteln, vielmehr müssen Seminare und Projektarbeiten im
Vordergrund des Unterrichtsgeschehens stehen; realistische Übungen und
lebensnahe Trainings ergänzen das Angebot. Wahlmöglichkeiten müssen verstärkt
werden.
5. Geändertes Bild des Dozenten
Auch das Bild des Lehrenden/ des Dozenten
wird sich wandeln. Ein Dozent wird künftig nicht mehr ausschließlich
Wissensvermittler, sondern immer mehr auch Moderator von selbständigen und
gruppenorientierten Lernprozessen sein.[9]
Für den Dozenten bedeutet dies, dass er
beständig die optimale Kongruenz von Fachwissen und Didaktik sucht.[10]
Die Aufgabe eines Dozenten wird durch diesen Wandel nicht einfacher; im
Gegenteil: heute kann ein Dozent die inhaltliche Diskussion insoweit steuern,
als die sich auf wesentliche Aussagen der angebotenen Lehrinhalte bezieht.
Hat der Studierende bei der Entwicklung von
Problemlagen künftig mehr Freiraum, verbreitert sich auch die inhaltliche
Diskussion und stellt den Lehrenden vor höhere Anforderungen.
6. Praxisbezug
Bei all diesen Überlegungen darf - und dies gilt
insbesondere für die Ausbildung der Polizei - der Praxisbezug nicht
vernachlässigt werden.
Praxisbezug und theoretische Aufarbeitung
sollten zu einer Einheit verbunden werden. "Ganzheitliche
Betrachtung" steht hier im Vordergrund, d.h., einen Teil zu sehen und zu
bearbeiten, ohne das damit strukturell verbundene Ganze aus den Augen zu
verlieren. Nur diese Sichtweise wird einer komplexen und unübersichtlich
werdenden Lebenswirklichkeit gerecht.
In der konkreten Umsetzung bedeutet dies:
erforderlich ist eine genaue Abstimmung der praktischen und theoretischen
Lehrinhalte; die Praxis gibt Anregungen / Hinweise für theoretische Klärungen
und Orientierungen; die Theorie ist der Verbesserung der Praxis verpflichtet;
der Praxisaufenthalt muss als Teil der Ausbildung verstanden werden; ein Aspekt
hierbei ist die Auswahl und Schulung von erfahrenen und pädagogisch geeigneten
Mitarbeitern, die für die Betreuung von Praktikanten eingesetzt werden.[11]
Die andere Seite ist, die Lehrenden immer wieder auf die Vermittlerrolle
zwischen Theorie und Praxis hinzuweisen.
Nur in einem umfassend angelegten Praktikum
können die handwerklichen Grundlagen des Polizeiberufs erlernt werden und nur
in einer nach wissenschaftlich-systematischen Prinzipien aufgebauten Lehre
können zukunftstaugliche methodische Kompetenzen erworben werden.
7. Polizeiwissenschaft
Betrachtungen über ein künftiges Curriculum
führen aber auch noch zu einer weiteren Aussage: Polizeirelevante
Wissensbereiche, Methodik, Didaktik müssen in einem Gesamtzusammenhang gesehen
werden.
Die polizeiliche Aus- und Weiterbildung ist ein einheitliches
Ganzes; dieses wird von anderen Wissenschaften - dem Recht, der Organisationslehre, der Betriebswirtschaft - in
wesentlichen Maßen beeinflusst; die
polizeilichen Bedürfnisse müssen jedoch speziell herausgearbeitet werden.
Um dies zu erreichen ist es erforderlich, eine
wissenschaftlich fundierte polizeiliche Entscheidungs- und Handlungskompetenz zu
entwickeln, in deren Rahmen die anfallenden Probleme gelöst werden können.
Notwendig hierfür ist eine polizeiliche Handlungslehre,
eine Polizei-wissenschaft, die von dem vorhandenen polizeilichen Wissen
ausgeht, es kritisch prüft, analysiert, systematisiert und weiterentwickelt, um
es unmittelbar der Praxis wieder zugänglich zu machen.
Dabei kann es nicht darum gehen, um der
Wissenschaft willen die Grundlagen polizeilichen Handelns neu zu untersuchen
und zu fundieren. Ein großer Teil des polizeilichen Fach-Know-hows ist als
Erfahrungswissen vorhanden oder ausführlich in der Literatur dokumentiert.
Vieles, was zukünftig an Fachwissen zusätzlich benötigt wird – etwa aus der
Betriebswirtschaft – kann übernommen und angepasst werden.
Aber es kommt darauf an, das vorhandene Wissen
in Zukunft durchgängig zu analysieren, zu systematisieren und in seinen
Kernaussagen noch wirksamer herauszuarbeiten und zu erkennen, wo es eigener
polizeilicher Forschungsansätze bedarf.
Der ständige Umgang mit systematischer Analytik
ist gerade für die spätere Berufspraxis ein entscheidender Erfolgsfaktor. Jeder
Praktiker handelt nach bestimmten Prinzipien, Methoden und
Problemlösungstechniken, die er sich im Laufe der Zeit angeeignet hat.
Es kommt deshalb darauf an, möglichst frühzeitig
und umfassend die Fähigkeit zum analytischen und systematischen Denken und zur
professionellen Problemlösung zu entwickeln.
Multimedia - die Kombination aus Text, Ton,
Bild, Grafik, Animation und Video - wird die Pädagogik und Didaktik bei der
Vermittlung von Lehrinhalten tiefgreifend verändern. Man kann sogar behaupten:
Multimedia wird eine Revolution bei den
Bildungseinrichtungen auslösen.
Die unbestreitbare Leistung moderner Medien
liegt in der Möglichkeit, aktuelle Informationen und Lerninhalte schnell einem
großen Kreis von Personen verfügbar zu machen. Darüber hinaus bieten neue
Medien bei kompetenter gestalterischer und didaktischer Aufbereitung die
Möglichkeit, komplexe Inhalte anschaulich und bedürfnisgerecht aufzubereiten
und bieten damit eine gute Grundlage für lebenslanges Lernen. Ein aktueller
Stellenwert kommt hierbei den netzbasierten Konzepten zu.
Die Faszination dieser Medien für das Lernen
liegt in der weltweiten und flexiblen Verfügbarkeit von Information und
Kommunikation. Zu jeder Zeit und an jedem Ort sind Daten verfügbar. Damit sind
Problemstellungen im Lernprozess, aber auch am Arbeitsplatz bedarfsgerecht mit
Hilfe umfassender Informationen lösbar. Mit anderen Worten: wir haben es mit
Formen selbstgesteuerten und produktiven Lernens und Lehrens in offenen und
flexiblen Lernumgebungen zu tun.
Ganz bedeutsam in diesem Zusammenhang sind die
Möglichkeiten gemeinsamen Lernens. Polizistinnen und Polizisten können sich via
Net grenzüberschreitend, regional, national und international zu
Lern-gemeinschaften zusammenschließen und damit den wachsenden Anforderungen
nach internationaler Kooperation gerecht werden. Expertinnen und Experten sowie
Informationen aus aller Welt stehen zur Verfügung und liefern die Basis für ein
differenziertes Wissensnetzwerk.
Die Stichworte sind hier etwa Intranet, Extranet
oder Internet. Der gewichtige Aspekt ist, über die Nutzung von Netzen ein
höheres Maß an Interaktivität, also an wechselseitiger Auseinandersetzung als
bei den herkömmlichen Lernprogrammen zu ermöglichen: über die Bearbeitung der
Inhalte hinaus sind Kontakte zu Tutoren/Fachleuten oder weiteren Lernern, die
Erörterung und Weiterbearbeitung „des Stoffs“ sowie der Austausch von
Anwendungserfahrungen z.B. in Foren und Chat-Groups möglich.
Bildungseinrichtungen sind
Kristallisationspunkte einer solchen Entwicklung. Sie verfügen über
Expertenwissen, sie bündeln Informationen und sind in der Lage, diese
didaktisch aufzubereiten. Die Konzeption von Lernprogrammen, das Angebot von
Tutorien, der Aufbau und die Moderation von Diskussionsforen gehören ebenso
dazu wie die mediendidaktische Qualifizierung der Lehrenden und Lernenden.
Für die Bildungseinrichtung tut sich hier ein
weites und eminent wichtiges Aufgabenfeld auf.
Für die Zukunft sind die Erfolge der Bildung
auch einer regelmäßigen Bewertung zu unterziehen. Die Aus- und Weiterbildung
der Polizei ist -
notwendigerweise - zeit- und
kostenaufwendig. Es besteht deshalb ein großes Interesse daran, sie so effektiv
und effizient wie möglich zu gestalten.
Hierzu gehört u.a. eine adressatengerechte
Bedarfserhebung als Grundvoraussetzung für Bildungsprogramme. Erforderlich ist
eine wesentlich stärkere Kundenorientierung bei Auswahl und Gestaltung von Aus-
und Weiterbildungsprogrammen.
Gleichzeitig muss die Bildungsarbeit und deren
Ziele evaluiert werden, um festzustellen, ob die bei der praktischen Umsetzung
des Erlernten gewünschten Effekte eintreten und nachhaltig sind. Die Bewertung sollte sich aber nicht nur auf
die Inhalte beschränken, sondern auch die Effizienz, vor allem aber auch
die Wirtschaftlichkeit der Bildungsveranstaltungen mit umfassen.
Lehrende
sollten von einer Bewertung nicht ausgenommen werden; dies sollte nicht als
Kritik, sondern als sinnvolle Möglichkeit zur Verbesserung eigener
Qualifikationen angesehen werden. Erfahrungen an Deutschen Hochschulen haben
ergeben, dass die an Dozenten zurückgekoppelten Ergebnisse Wirkung zeigen. Ohne
Pädagogik bleibt ein Dozent wirkungslos und ohne wissenschaftlich fundiertes
Fachwissen bleibt seine Lehre der Beliebigkeit und dem Subjektivismus
verschrieben – das darf und kann sich heute keine Bildungseinrichtung mehr
leisten.[12]
10. Internationalisierung polizeilicher
Bildungsarbeit
Zum Abschluss meines Vortrags möchte ich
nochmals den wichtigen Gesichtspunkt internationaler Polizeiarbeit unter dem
Aspekt Polizeiausbildung aufgreifen. Die zunehmende Notwendigkeit und
Möglichkeit der internationalen Zusammenarbeit führt dazu, dass die
interkulturelle Kompetenz immer wichtiger wird.[13]
Interkulturelle Kompetenz ist zunächst - aber keineswegs nur -
Kommunikationsfähigkeit in gängigen europäischen Sprachen. Sicherlich sind
Fremdsprachenkenntnisse ein wichtiger Aspekt. Erforderlich sind aber darüber
hinausgehende Wissens- und Handlungskompetenz in einer Welt, in der sich
"die internationalen Verflechtungen verdichten und in der die Anwesenheit
des "Fremden" selbstverständlicher wird.[14]
Zum besseren gegenseitigen Verständnis ist
deshalb eine Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen, gesellschaftlichen,
europäischen und globalen Entwicklungen und den Rahmenbedingungen
interkultureller Beziehungen erforderlich.
Diese Gedanken sind zunächst auf nationaler
Ebene von den Bildungseinrichtungen der Polizei aufzunehmen. In einem
Fachgebiet "Internationalisierung" können die Entwicklungen der EU,
der Wandel in Osteuropa, die globalen Veränderungen und ihre Auswirkungen auf
die Polizei, die Möglichkeiten operativer Zusammenarbeit der Polizei
dargestellt werden.
Eine Kernaufgabe der neu gegründeten EPA wird es
künftig sein, eine Europäisierung der Bildungsarbeit der Polizei
weiterzuführen. Internationale Seminare, Vertiefung der Kenntnisse über die
nationalen Polizeisysteme, Harmonisierung von Lehrplänen für gewisse Gebiete,
Verbreitung bewährter Verfahren und Forschungsergebnisse sind nur einige der
erforderlichen Maßnahmen.
Hier wurde auch schon in der Vergangenheit
Hervorragendes geleistet, insbesondere auch durch die MEPA, die in ihrer in der
Welt einzigartigen Form Polizeien über die Ländergrenzen hinweg zusammengeführt
hat.
Anrede
Europa wächst weiter zusammen. Unser aller
Wunsch ist, dass auf diesem Weg die hohen Güter Freiheit, Sicherheit und Recht
für alle Bürgerinnen und Bürger unverlierbar garantiert werden. Die
Vergangenheit in unserem Lande, aber auch in anderen Teilen Europas, hat uns
den Wert dieser Güter gelehrt. Jeder Anschlag auf sie - ich denke hier auch an
aktuelle Phänomene hier bei uns - ist energisch zu bekämpfen. Hier ist nicht
nur, aber auch die Polizei gefordert. Ein entscheidender Garant dafür ist eine
strikt den Menschenrechten und der Rechtsstaatlichkeit verpflichtete Polizei.
Diese Verpflichtung zu betonen, als selbstverständliches Leitprinzip aller
Polizeibeschäftigten zu festigen, wach zu halten und mit Handlungskompetenz zu
unterlegen, ist eine der vornehmsten Aufgaben polizeilicher Bildungsarbeit. Ich
bin sicher, wir sind insgesamt auf einem guten Weg. Allerdings müssen wir ihn
auch weiter zielstrebig und zukunftsoffen gehen. Dazu denke ich, kann uns auch
die Erfahrung der Vergangenheit und die Bewältigung der Gegenwart helfen.
[1]
Vgl. Sterbling, Europäische Entwicklungen und die Ausbildung der Polizei, in:
Rothenburger Beiträge Bd. 10, S. 44
[2]
Siehe: Giddens, Anthony: Beyond Left and Right. The Future of Radical Politics.
Cambridge 1994, insb. S. 4 f; Giddens, Anthony: Konsequenzen der Moderne.
Frankfurt a.M. 1995, insb. S. 33 ff.
[3]
Siehe auch: Tibi, Bassam: Fundamentalismus im Islam. Eine Gefahr für den
Weltfrieden, Darmstadt 2000.
[4]
Vgl. umfassend Feltes; Eine Reform der Polizei beginnt mit der Reform der
Ausbildung, in: Die Polizei, 1997, S.
117
[5]
Feltes, a.a.O.
[6] Münch, Studienreform Hessen, in:
Polizei-heute, 2000, S. 152
[7]
Löbbecke, Zur Bedeutung des Schlüsselqualifikations- und Kompetenzansatzes für
die Ausbildung an den Fachhochschule der Polizei, in: Die Polizei, Heft 5/2000,
S. 139
[8]
Arnold, Rolf: Weiterbildung und Beruf, zitiert bei Löbbecke, a.a. O., S. 139
[9]
Herzog, Zukunft unseres Bildungssystems, BPA-Bull. Nr. 15/1999 vom 13.4.1999,
S. 158
[10]
Vgl. Chalka, Einheiheit der wissenschaftlichen-pädagogischen Arbeit der
Beamten, Bratislava 1998, S. 49
[11]
Münch, a.a. O.
[12] Feltes, a.a.O.
[13]
Sterbling, a.a. O., S. 11
[14] Sterbling, a.a.O.